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2020 - Gebietsbetreuer-Tagebuch

Es handelt sich bei diesem Dokument um keine wissenschaftlich fundierte Arbeit. Berichtet werden persönliche Erlebnisse und Erkenntnisse von Gebietsbetreuerinnen und -betreuern für die Schleiereule. Es richtet sich daher auch an Laien und interessierte Eulen-Freunde.
Text und Fotos (wenn nicht anders vermerkt): Achim Busekros

Ich betreue in diesem Jahr in drei Gebieten im Kreis Rendsburg-Eckernförde und in einigen angrenzenden Ortschaften im Kreis Steinburg insgesamt 140 Schleiereulen-Nistkästen (NK) an 118 Standorten.

Juli 2020

Im Juli gestaltete tiefer Luftdruck über Skandinavien das Wetter in Norddeutschland zeitweise wechselhaft, wobei mit einer vorherrschenden westlichen Strömung oftmals kühlere und wolkenreiche Luft einströmte. Allerdings gab es auch immer wieder kürzere sommerliche Phasen. Letzten Endes fiel der Juli im langjährigen Vergleich um mehr als 1 K zu kühl aus, wobei lediglich etwa 85 % der üblichen Sonnenstunden registriert wurden. Da es sich bei den Niederschlägen häufig um Schauer und verein­zelte Gewitter handelte, fiel die Niederschlagsverteilung erneut regional recht unterschiedlich aus. In Schleswig-Holstein lagen die Niederschläge im Landesmittel im Bereich langjähriger Werte (aus: Deutscher Wetterdienst, Agrarmeteorologischer Monatsrückblick im Juli – Region Nord, Seite 12).

Die erste Phase der Kontrollfahrten ist bis Mitte Juli weitgehend beendet. Der Trend der Vormonate setzt sich nahezu unverändert fort. Nach wie vor sind viele Reviere durch SE besetzt und viele Bruten sind in den NK. Darunter sind NK, die seit Jahrzehnten nicht oder nicht mehr durch SE belegt waren. Unter den gut 110 kontrollierten Standorten befinden sich 73 SE-Reviere (Brut oder Sichtung bzw. eindeutige Hinweise wie Gewölle, Federn etc.), eine Quote von ca. 66%. Zum Vergleich: Im schon sehr guten Jahr 2019 lag diese Quote bei ca. 26% und einem sehr schlechten Jahr wie z.B. 2016 bei 21%. Gravierender stellt sich der Unterschied bei den erfolgreichen Bruten dar. Wahrscheinlich erfolgreiche SE-Bruten gab/gibt es dieses Jahr bisher 48, eine Quote von knapp 44%. 2019 waren es 20 erfolgreiche Bruten bei 115 Standorten (= ca. 17%), 2016 zwei erfolgreiche Bruten bei 70 Standorten (= ca. 3%).

Des Weiteren ist nach jetzigem Stand schon festzuhalten, dass der Durchschnitt der vermutlich ausgeflogenen JUV je Brut zumindest in meinen Gebieten in der Geest unter dem Niveau des Vorjahres (ca. 6 JUV) liegen wird. Für eine Gesamtzahl, auch vorläufig, ist es natürlich noch viel zu früh.

20200709 7er BrutDie wohl einzige 7er Brut

Eine zeitgleiche Nutzung von zwei NK an einem Standort durch unterschiedliche Arten, vor allem SE und TF, ist nichts Besonderes und wurde auch in den Vorjahren beobachtet. An einigen Standorten wurden in der Vergangenheit nach wiederholten Revierkämpfen zwischen TF und SE ein zweiter NK installiert, um den Konkurrenzdruck zwischen den Arten zu entschärfen. Dieses Jahr ist allerdings die Mehrfachbelegung von einzelnen NK eine weitere besondere Feststellung. In drei NK brüteten SE und TF zeitgleich, aus sechs NK hat die SE den TF nach dessen Brutbeginn bzw. der Eiablage vertrieben, in einem NK hat die SE erst nach der erfolgreichen Brut des TF gebrütet. In zwei NK brütete die SE nach dem WK und in einem weiteren der TF nach dem WK (alle Bruten erfolgreich). In einem NK waren Gelege von TF im Vorraum und Schellente im Brutraum (s.a. auch weiter unten). Und in einem weiteren NK fand entweder eine Zweit-/ Schachtelbrut des TF statt oder ein aus der Nachbarschaft von der SE verdrängtes TF-Paar begann hier seine Brut.

20200720 SE Paar 2Obwohl beide adulten SE gesund und munter in ihrem Standard-Tageseinstand in einer Mauernische sitzen, wurde die Brut aufgegeben.20200720 SE Paar 1Ich sehe dich nicht, du siehst mich nicht...

Aufgrund der Kontaktbeschränkungen begannen die Kontrollen bis zu einen Monat später als üblich. Daher sind mir alle Dohlen-Bruten "durch die Lappen" gegangen. Aber auch die eine oder andere TF-Brut könnte ich verpasst haben. Im ersten Fall lassen sich die Bruten aufgrund des umfangreichen Nestbaus der Dohle nachvollziehen, im zweiten Fall ist man auf die Beobachtungen der Eigentümer angewiesen.

„Nestflüchter“

Anfang Juli wurde ich zwei Mal abends angerufen, weil jeweils ein SE-JUV aus einem NK gefallen war. Im ersten Fall hatte der JUV (Alter ca. 45 Tage) die halbe Scheune „zu Fuß“ umrundet, immerhin gut 40 Meter, und sich dann in einen Brennholz-Stapel versteckt. Kurz vor Erreichen des Schuppens wurde er zum Glück vom Landwirt gesichtet. So konnte ich ihn wieder zu seinen Geschwistern zurückbringen. Im zweiten Fall wurde der JUV schon unmittelbar unterhalb des Fluglochs entdeckt. Auch ihn habe ich in den NK zurück gebracht. Es dürfte sich hierbei nicht um Einzelfälle handeln. Durch das Gedränge im NK bei schon älteren JUV kommt es mit Bestimmtheit öfter vor, dass einer aus dem Flugloch geschubst wird. Die neueren NK wurden daher baulich verändert, das Flugloch ist oben und es gibt ein Sperrbrett. Leider ist die absolute Mehrzahl der installierten NK noch nach dem alten Muster gebaut oder es sind Eigenbauten, teils aus den 1970er/1980er Jahren. Hier existiert ein riesiger „Modernisierungsstau“. Das Umrüsten der NK, zumindest bei denen es möglich ist, ist eine Beschäftigung mindestens für das kommende Winterhalbjahr. Es ist aber aus meiner Sicht unabdingbar, die Dunkelziffer herausgefallener JUV ist vermutlich nicht gering.

 20200702 Nestflüchter 1Versteckspiel (der weiße Fleck zentral im Bild ist es)20200702 Nestflüchter 2Da ist er ja!

 

 

 

 

 

 

 

 

 20200702 Nestflüchter 3Zurück ins Körbchen

 

Schellente

Und einen weiteren Brutversuch einer Schellente gibt es zu vermelden. In einem NK lagen im Brutraum 10 Enteneier verstreut und im Vorraum 8 TF-Eier. Wahrscheinlich haben beide Arten die Brut abgebrochen. Die Schellente wurde bis ein-zwei Wochen vor dem Kontrolltermin eine ganze Zeit lang vom Eigentümer auf einem Storchennest auf dem Grundstück beobachtet. Er vermutete, dass die ihm unbekannte Ente dort brüten würde. Ob TF und Schellente sich gegenseitig störten oder die Abbrüche noch eine weitere Ursache haben ist ungewiss. Zumindest deuten umfangreiche Gewölle- und Geschmeißhaufen der SE in der Scheune auf die Nutzung der Selbigen als Tageseinstand hin. So ist es auch nicht auszuschließen, dass die SE den NK jetzt nach der Säuberung übernehmen wird, sollte es sich um zwei adulte Vögel vor Ort handeln. Es ist übrigens schon die zweite versuchte Schellentenbrut in einem SE-NK in diesem Dorf. Bereits 2017 versuchte es eine Schellente in einem NK in der Nachbarschaft. In knapp 400m Entfernung befindet sich die Stör.

20200715 SchellentengelegeGelege der Schellente

SE geschlagen

Am 20.07. kontrollierte ich einen NK in KROGASPE, in dem bei der Kontrolle fünf Wochen zuvor fünf SE-JUV im Alter von ca. 5-15 Tage waren. Jetzt waren nur noch drei JUV im NK. Der mögliche Verbleib eines der JUV klärte sich schnell. Der Landwirt hatte in der Nacht zuvor lautes Kreischen vernommen und auf dem Platz in knapp 10 Meter Entferung vom Flugloch lag eine große Anzahl von Federn und Büschel der SE. Es ist davon auszugehen, dass mindestens eine SE von einem nachtaktiven Prädator geschlagen und in ein paar Meter Entfernung vom NK gerupft wurde.

20200720 SE RupfungDie noch nicht vom Winde verwehten Federn der SE

Juni 2020

Einem sommerlichen Start folgte im Juni mit auf Nordwest drehender Strömung die Schafskälte mit einem unbeständigen und windigen sowie kühlerem  itterungsverlauf mit einstelligen Nachttemperaturen, bevor sich in der zweiten Dekade in schwülwarmer Luft immer wieder Gewitter mit teils unwetterartigem Starkregen bildeten. Vor allem am 13. und 14. traten regional hohe Regenmengen auf, welche zu Schäden führten. Nach einer Wetterberuhigung mit hochsommerlichen Temperaturen verabschiedete sich der Juni leicht wechselhaft. Insgesamt war der Monat etwas zu warm und sonnenscheinreich, präsentierte sich aber sonst mit typisch mitteleuropäischem Sommerwetter. Obwohl die Niederschläge im Mittel im Bereich der langjährigen Regenmengen lagen, fielen sie regional recht unterschiedlich aus (aus: Deutscher Wetterdienst, Agrarmeteorologischer Monatsrückblick im Juni – Region Nord, Seite 12).

Die Kontrollfahrten Anfang Juni bestätigen die Vermutungen aus dem Mai: Viele besetzte SE-Reviere mit kleinen Gelegen und später Brutbeginn. Zum späten Brutbeginn könnte neben den u.a. Nachtfrösten (siehe Mai) auch folgender Aspekt beigetragen haben. Dank des schneefreien, milden Winters haben wahrscheinlich viele der im letzten, recht erfolgreichen, Jahr ausgeflogenen JUV überlebt. Diese sind den Winter über und im Frühjahr auf Revier- und Nistplatzsuche. Dabei stoßen sie auf NK, die in den Jahren zuvor stets von Turmfalken (TF) genutzt wurden. So berichten einige der NK-Besitzer davon, dass der TF zu Beginn des Frühjahrs den NK beziehen wollte,  balzte und plötzlich wieder weg war. Vereinzelt wird auch von Auseinandersetzungen zwischen TF und SE berichtet. So hat es allem Anschein teils einige Wochen gedauert, bis die SE den NK übernehmen konnten. Dabei ist auch festzuhalten, dass dieses Jahr mehrere NK erstmals durch SE belegt sind, die teils vor über 30 Jahren installiert wurden oder seit über 10 Jahren nicht von der SE genutzt wurden.

Es werden auch Ende Juni noch bebrütete Gelege vorgefunden. Festzustellen ist, dass diese späteren Gelege mit 7 - 8 Eiern größer sind.

Zur Nahrungssituation: Es gibt Offenlandbereiche (Dauergrünland bei THADEN und PEISSEN, Extensivwiesen bei REHER, BARGSTEDT und CHRISTINENTAL, Gewerbeflächen SCHENEFELD), die sind belebt mit Wühlmäusen. Es gibt also partielle Unterschiede (MECKEL).

0416 200605 SE JUV 10 20 Tage6 SE-JUV bilden die Pyramide

Zeitgleiche Nutzung NK durch SE und TF

In der Nähe von NORTORF wird ein NK zeitgleich von TF und SE genutzt. Allerdings lagen Anfang Juni noch drei TF-Eier im Vorraum und fünf SE-Eier im Brutraum. Sowohl adulte TF als auch SE wurden am Kontrolltag auf dem Hof gesichtet. Ob beide Bruten erfolgreich werden, ist allerdings zweifelhaft. Skurril ist auch, dass auf dem Hof drei NK installiert sind. Und ausgerechnet den ältesten und kleinsten NK haben sich beide Arten ausgesucht.

Ein weiterer NK mit Doppelbelegung, schon der dritte in meinen Gebieten in diesem Jahr, befindet sich in MEEZEN. Am 20.06. verließen drei TF-JUV den NK, zwei SE-JUV im Alter von ca. 20-30 Tagen saßen noch im NK.

Und in drei NK in WASBEK, EHNDORF und PADENSTEDT waren Mitte Juni bei den Kontrollen verstreut liegende TF Eier und SE-JUV bzw. -Eier. Hier hatte das friedliche Zusammenleben offensichtlich nicht funktioniert, der TF hatte die Bruten aufgegeben.

Erste Schachtelbrut

Ganz gegen den diesjährigen Trend des späten Brutbeginns ist die Lage in einem NK in REMMELS. Neben einem knapp 60 Tage alten JUV, Brutbeginn somit ca. Mitte März, und mindestens vier alten Eiern (im NK verstreut, unbefruchtet?) werden am 17.06. bis zu sieben frische Eier bebrütet. Es ist somit wahrscheinlich die erste Schachtelbrut der SE dieses Jahres.

                                              20200617 SE JUVSE-JUV (tyto alba alba) in typischer Schreckhaltung  20200617 GelegeGelege und alte Eier

Todfund SE

In einem weiteren NK in MEEZEN fand ich am 30.06. drei tote SE-JUV im Alter von 10-20 Tagen. Es ist davon auszugehen, dass mindestens eines der Elterntiere ums Leben gekommen ist, da noch vier Mäuse als Futterdepot im Brutraum lagen. Die Jungen sind sozusagen bei offener Kühlschranktür verhungert.

Erneuter versuchter Dohlen-Anschlag

Und sie haben es wieder versucht. Auf einem Hof in AUKRUG befindet sich eine Dohlen-Kolonie. Die beiden installierten SE-NK sind Jahr für Jahr heiß umkämpft zwischen Dohlen, TF und SE. Und wie schon 2018 (siehe EulenWelt 2019, S. 49ff) haben die Dohlen versucht, der SE das Brüten unmöglich zu machen. So saßen bei der Kontrolle Mitte Juni im Brutraum sechs SE-JUV im Alter von 35-50 Tagen. Im Vorraum war ein Dohlennest, das den Durchgang zum Brutraum zur Hälfte verschloss, und auch das Flugloch war zur Hälfte versperrt. Es grenzt an ein Wunder, dass die SE trotzdem die JUV füttern konnte. Und dieses Jahr gingen die Dohlen besonders perfide zu Werk. Statt wie sonst üblich trockene Zweige und Gestrüpp einzutragen, lag eine dicke Schicht aus feuchten (stinkenden) Mist als Unterlage im Vorraum. Mindestens einer der Dohlen ist es wahrscheinlich nicht gut bekommen. Ein gutes Dutzend schwarzer Federn lag unterhalb des NK. Das Dohlennest wurde natürlich bei der Kontrolle komplett entfernt, so dass die adulten SE nun problemlos zu den JUV vordringen können. So wird also auch dieser NK nach Beendigung der Brutaktivitäten modifiziert werden müssen. Im zweiten NK brütete erfolgreich ein TF, der sich dieses Jahr offensichtlich gegen die Dohlen durchsetzen konnte.

20200615 VorraumDas zur Hälfte versperrte Flugloch (oben) und der Durchgang (unten rechts)

20200615 DurchgangDer Durchgang aus Sicht der SE-JUV

Schellente

Und auch ein seltener Gast brütet in diesem Jahr in einem der von mir betreuten NK. Eine Schellente hat 8 Eier in einem NK in EHNDORF gelegt. Ob die Brut erfolgreich wird, ist unsicher. Gemäß WIKIPEDIA lässt sich das W nur schwer vom Gelege aufstören. Und ich habe am Kontrolltag Mitte Juni keine adulte Schellente in der Nähe der Scheune oder beim Verlassen des NK gesehen. Hier bedarf es schlussendlich viel Glück, um die JUV bei einer erfolgreichen Brut kurz vor oder beim Verlassen des NK zu "erwischen". Immerhin lässt sich ab Mitte Juli feststellen, ob die Brut erfolgreich war oder nicht.

20200619 SchellenteGelege der Schellente

Mai 2020

Im Mai dominierte in Norddeutschland häufig Hochdruckeinfluss, wobei oftmals frische Meeresluft einströmte, sodass der Monat auch kühl startete, bevor gegen Ende der ersten Dekade wärmere Luft herangeführt wurde. Pünktlich zu den Eisheiligen gab es am 11. einen massiven Temperatursturz, wobei gebietsweise nochmals Nachtfrost bzw. verbreitet Frost in Bodennähe auftrat. Der anschließende Hochdruckeinfluss brachte dann vereinzelt bereits Sommertage. Unterm Strich war der Mai etwa 1 K zu kühl, wobei 50 – 60 % weniger Regen fiel als üblich (mancherorts unter 15 mm) und die Sonne verbreitet ein Plus von 10 – 15 % erzielte (aus: Deutscher Wetterdienst, Agrarmeteorologischer Monatsrückblick im Mai – Region Nord, Seite 12).

Endlich ist es soweit, die Kontrollsaison kann beginnen. Aufgrund der bekannten Kontaktbeschränkungen aber auch wegen des Hinweises von Peter FINKE (siehe „Erste SE-Kontrollfahrt“) begann ich am 28.05. mit den Kontrollen. Die Vorfreude war groß, da diverse Hinweise von den Nistkastenbesitzern eine relativ erfolgreiche Saison erwarten lassen.

Zusammenfassend stellt sich für meine Gebiete in der Geest bereits jetzt folgende Tendenz dar:

  • Relativ viele SE-Bruten bzw. besetzte Standorte
  • Relativ kleine Gelege / wenig JUV
  • Später Brutbeginn
  • Einige Besonderheiten bzw. außergewöhnliche Beobachtungen

20200509 Ausflug SESE-W (tyto alba guttata) fliegt wenige Minuten nach der Kontrolle zurück in den NK

Bezüglich der Nahrungssituation („Mäuselage“) war für dieses Jahr eine Verschlechterung nach dem Gradationsjahr 2019 nicht auszuschließen. Zum Vergleich sei auf die Bilanz 2016 nach dem letzten Gradationsjahr 2015 hingewiesen (siehe auf der Seite Schleiereule unter Brutverbreitung in SH). Auch waren negative Auswirkungen des nassen Wetters in den ersten Monaten auf die Mäusepopulation bzw. den Jagderfolg der SE möglich, teils standen Wiesen bis Mitte März unter Wasser. Zudem sorgten die teils frostigen Nächte bis in den April hinein wahrscheinlich dafür, dass der Fortpflanzungsdrang bei der SE gehemmt wurde. Dadurch erklärt sich unter anderem auch der späte Brutbeginn (MECKEL). So sind bei meiner Kontrolle Ende Mai nur in zwei der fünf von SE besetzten NK JUV mit einem Alter von ca. 30 Tagen, mit einer geringen Anzahl von zwei bzw. drei JUV. Die Eiablage erfolgte demnach ca. Ende März - Anfang April. In den anderen drei NK waren Ende Mai noch Eier bzw. gerade erst geschlüpfte JUV. Eiablage war somit erst Ende April - Anfang Mai. Die Gelegegröße ist mit je sechs Eiern bei diesen späten Bruten als durchschnittlich zu bewerten. Und es wurden nur kleine Nahrungsdepots angelegt, in den NK lagen nur ein bis maximal drei Mäuse. Diese Tendenz wird auch von anderen Gebietsbetreuerinnen und Gebietsbetreuern bestätigt (siehe z.B. „Erste SE-Kontrollfahrt“ von Peter FINKE weiter unten).

Es gibt schon jetzt einige Besonderheiten zu verzeichnen:

Bigynie bei SE

Bigynie, zeitgleiche Partnerschaft eines Männchens mit zwei Weibchen, kommt bei SE vor (z.B. Kniprath 2012, Eulen-Rundblick Nr. 62, S. 123-127). Auf einem  Bauernhof in der HATTSTEDTER MARSCH sind zwei NK in einer Scheune installiert. Ein NK an der Außenwand mit Flugloch nach außen, der zweite als Innenkasten im Scheunengiebel. Diese werden seit einigen Jahren regelmäßig und abwechselnd von der SE erfolgreich genutzt. Auch Zweit-/Schachtelbruten fanden statt.20200601 Jansen beide NKBeide NK (links und rechts im Giebel) Foto: C. JANSEN

Am 17.05.2020 stellten die Eigentümer fest, dass in beiden NK SE Gelege lagen. Aus einem NK flog vor der Kontrolle eine adulte SE, aus dem anderen zwei SE. Pfingsten wurde der Sachverhalt von Claudia und Christof JANSEN bestätigt. Bei der Kontrolle flogen insgesamt drei Altvögel aus den beiden NK. In einem NK waren drei Eier und fünf JUV (Alter ca. 1 – 10 Tage), im zweiten NK drei JUV (Alter ca. 10 - 20 Tage).

20200601 Jansen SE BrutSE-Gelege (Foto: C. JANSEN)

Kollision SE mit WKA

Von einem NK im Raum KELLINGHUSEN gibt es eine tragische Geschichte mit Happy-End zu vermelden. Seit dem Winter war der NK nach etlichen Jahren Unterbrechung wieder von einem Paar SE belegt. Mitte Februar fand die Eigentümerin eine verletzte SE unterhalb des Flugloches. Ein Flügel hing nur noch an einer Sehne am Körper. Sie verbrachte die Eule zum Wildtier- und Artenschutzzentrum Klein Offenseth-Sparrieshoop, wo sie aufgrund der Schwere der Verletzung nicht gerettet werden konnte. Nach den Erfahrungen der Tierschützer in diesem Zentrum zeigen die Verletzungen der Eule typische Merkmale auf, wie sie durch eine Kollision mit dem Rotorblatt einer Windkraftanlage hervorgerufen werden. In ca. 800-900m Entfernung Luftlinie befindet sich ein Windpark mit ca. 15 Anlagen. Die Eule war beringt, detaillierte Informationen der Vogelwarte Helgoland dazu stehen noch aus. In den Wochen danach verblieb die andere SE auf dem ehemaligen Bauernhof. Wahrscheinlich fand die SE im Verlauf des März einen neuen Partner / neue Partnerin. Ende April schlüpften aus einem Vierergelege die ersten JUV. Bei der Kontrolle Ende Mai sind im NK drei JUV im Alter von ca. 30 Tagen. 

20200217 Tischler verletzte SEVerletzte SE (Foto: W. TISCHLER)

Zeitgleiche Bruten SE mit anderen Arten

In einem NK im Raum JEVENSTEDT brüten zeitgleich TF und SE, allerdings jeweils mit nur geringem Erfolg. Neben zwei ca. 30 Tage alten SE-JUV im hinteren Teil des NK versucht der TF unverdrossen ein Ei im Vorraum auszubrüten. Das W verließ bei der Kontrolle Ende Mai den NK, das zweite Ei befand sich schon im hinteren Raum bei den SE-JUV. Dorthin wurde es wahrscheinlich von den adulten SE bei den Einflügen in den NK innerhalb der letzten Wochen „transportiert“.

20200528 SE JUV mit TF EiSE-JUV mit dem TF-Ei und einer Maus

Auf einem Hof bei NEUMÜNSTER nutzen Anfang Mai zeitgleich Waldkauz und Schleiereule eine Scheune. Der WK hat im SE-NK zwei JUV im Alter von ca. 30 Tagen, die SE brütet hinter einer Holzverkleidung am Sims der Scheune.

Unser 1. Vorsitzender, Johann BÖHLING, und der ehemalige 1. Vorsitzende, Hans-Dieter MARTENS, berichten auch von einer besonderen Feststellung bei einer gemeinsamen Kontrolle Ende Mai. Auf einem Reiterhof nördlich BAD SEGEBERG wurden vom Eigentümer vier Nisthilfen in einer Scheune installiert. Mindestens drei dieser NK waren zumindest über einen kurzen Zeitraum zeitgleich durch SE, TF und Waldkauz belegt. Alle drei Arten brüteten erfolgreich bzw. brüten noch.

20200524 Böhling WKWK Ästling (Foto: J. BÖHLING)

Erste SE-Kontrollfahrt

Text: Peter FINKE

Am 05.05.2020 habe ich meine erste Kontrollfahrt puncto Schleiereule (SE) gemacht. Es war eigentlich nicht nur Neugierde, sondern ich wollte mir nur mal einen Eindruck verschaffen, was unsere Schleiereulen inzwischen fabriziert haben. Ich möchte aber bemerken, dass ich hier im Kreis Steinburg nur einen kleinen Teil „bewirtschafte“. Da ich mich hier aber schon viele Jahre mit den Eulen beschäftige, kenne ich alle Besitzer und kann ohne Voranmeldung die Gebäude betreten. Somit bin ich zwar einigen Landwirten begegnet, aber unter Wahrung des Abstandes konnte ich ohne Probleme meine Kontrollen durchführen.

Ich habe zwölf Standorte kontrolliert. Vorgefunden habe ich sechs SE- und fünf Turmfalkenbruten. Die Turmfalken (TF) hatten drei Mal fünf Eier und zwei Mal sechs Jungvögel (JUV) im Alter von wenigen Tagen. Auch die SE saß drei Mal auf fünf Eiern, ein  Mal sechs JUV (die letzten gerade geschlüpft) und zwei Mal je zwei Eier und drei JUV. Wenn man nun mal spekuliert und die Ergebnisse mit 2019 vergleicht, muss man erkennen, dass die Anzahl der Eier und JUV erheblich unter dem letzten Jahresdurchschnitt liegen. Ich hatte auch nicht so einen späten Brutbeginn erwartet. Fakt ist, dass wir hier keine Mäuse haben. Bei fast allen Brutplätzen, SE sowie TF, fand ich keine abgelegte Beute. Bei einer TF-Brut mit sechs JUV lag eine Feldmaus und bei einer SE mit zwei Eiern und drei JUV sogar drei Mäuse. Das sind aber anscheinend die Ausnahmen! Das betrifft nicht nur SE und TF, sondern auch den Uhu. Das kann natürlich regional unterschiedlich sein. Aber wir müssen damit rechnen, dass die Mäusegradation 2019 total zum Erliegen gekommen ist. Letztes Jahr hatte ich hier Gelege von 12 und mehr Eiern und JUV.

Und wenn ich die Lage richtig einschätze, für eine Kontrolle ist es sicherlich noch zu früh. Es wird genügen, wenn wir, sofern möglich, erst Ende Mai oder Anfang Juni mit unserer Arbeit beginnen. Die Jungen sind noch zu klein, oder das Weibchen sitzt noch auf den Eiern, so dass der Störfaktor zu hoch wäre.

April 2020

Das Wetter im April in SH war sonnenreich und viel zu trocken mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht, vor allem in der ersten Monatshälfte mit häufigen Nachtfrösten. Gemäß DWD,  Agrarmeteorologischer Monatsrückblick im April – Region Nord, trocknetem vor allem die oberen Bodenschichten bei zeitweise windigem Wetter aus. Erst die letzten Tage brachten etwas Niederschlag, trotz allem bestand flächendeckend ein Niederschlagsdefizit von 50 - 70 %.

Aufgrund der Kontaktbeschränkungen im April führte ich keine Kontrollfahrten durch. Anrufe von einigen Nistkastenbesitzern deuten aber daraufhin, dass ein erfolreiches Jahr für die Schleiereule (SE) bevorstehen könnte. So treten an Standorten, die zum Teil 10-15 Jahre nicht mehr durch die SE belegt waren, ein oder gar zwei Vögel auf und beziehen die NK. Allem Anschein nach hat das trockene April-Wetter der Mäusepopulation gut getan, so dass zumindest in manchen Regionen ein gutes Nahrungsangebot vorhanden ist.

März 2020

Zunächst setzte sich im März die starke Tiefdrucktätigkeit mit windigem, niederschlagsreichem und recht mildem Wetter fort, bevor etwa ab Monatsmitte Hochdruckeinfluss mit viel Sonnenschein das Wettergeschehen bestimmte. Dabei strömte am Rand eines Hochs mit starkem Ostwind polare Kaltluft aus Nordosteuropa ein. Infolgedessen blieben die Maxima trotz uneingeschränkten Sonnenscheins oft im einstelligen Bereich und nachts traten verbreitet leichte bis mäßige Fröste auf. Vielerorts wurden die tiefsten Werte des ganzen Winterhalbjahres erreicht. Lediglich am 27. und 28. wurde es vorübergehend milder. Insgesamt verlief der März in Norddeutschland mehr als 1 K zu mild, in den meisten Regionen etwas zu trocken bei überdurchschnittlich viel Sonnenschein (aus: Deutscher Wetterdienst, Monatlicher Klimastatus Deutschland, März 2020, Region Nord, Seite 12).
Erste Freilandbegehungen in den Kreisen Steinburg und Rendsburg-Eckernförde Ende März ergaben für einige Geestbereiche in vielen Knicks, Brachen, Feldrändern, Böschungen und Gräben befahrene Wühlmauslöcher und Laufgänge. Auch befragte Landwirte sprechen von einem weiterhin erhöhten Aufkommen in beiden Kreisen. Gründe für die teilweise sehr gute Nahrungssituation für Beutegreifer können neben der Mäusegradation der sehr trockene Sommer 2019 und der ausgebliebende nachfolgende Winter sein. Allerdings sind auch durch die anhaltende Feuchtigkeit von November bis Februar 2020 in vielen Niederungsbereichen Wühlmäuse in ihren Gängen und Höhlen umgekommen (MECKEL).
Mittlerweile hat es sich hier in der Gegend herumgesprochen, dass ich mich ehrenamtlich im Eulenschutz engagiere. So werde ich nicht nur von „meinen“ Nistkastenbesitzern zum Beispiel im Supermarkt über Eulensichtungen angesprochen, es kommen auch telefonische Anfragen von anderen Leuten. Und diese Anfragen beziehen sich nicht nur auf Eulen sondern zum Beispiel auch auf Turmfalken, die bekanntermaßen die „Hauptmieter“ unserer Nistkästen sind. Aber auch bei Notfällen werde ich kontaktiert.
Mitte März erreichte mich über Umwege der Hilferuf einer alten Dame, die in einer kleinen Siedlung am Waldrand wohnt. Seit einigen Tagen vernahm sie merkwürdige Geräusche aus ihrem Schornstein. Im Laufe der Tage erhärtete sich ihr Verdacht, dass es ein Waldkauz sein könnte, der im Schornstein gefangen war. So machte ich mich abends auf den Weg, um der Sache auf den Grund zu gehen. Und tatsächlich saß in der verschlossenen Reinigungsöffnung im Keller ein adulter Waldkauz. Den beiden ersten Fangversuchen konnte er noch entkommen, indem er vielleicht einen Meter im Schornstein hoch flatterte bzw. kletterte. Beim dritten Versuch reichte vermutlich die Kraft nicht mehr und er blieb unten sitzen. Ich brachte ihn mit einem Kescher nach draußen, setzte ihn vor der Haustür ab und öffnete den Kescher. Er befreite sich in wenigen Sekunden und flog schnurstracks ab in den Wald.

2020 03 12 WK in SchornsteinWK sitzt auf dem Boden des Schornsteins hinter der geöffneten Kontrollklappe
Der Vorfall belegt, dass nicht nur Dohlen in den Schornsteinen gefangen werden können sondern auch Eulen. Des Weiteren zeigt er auch die Notwendigkeit auf, die Schornsteinmündung mittels eines Gitters zu versperren.

Bei der Bergung von WK aus Schornsteinen ist zu berücksichtigen, wie verrußt der Schornstein ist. Ist der Schornstein in Nutzung und der Vogel schon längere Zeit gefangen, ist die Gefahr einer Staublunge imminent. In diesem Fall kann die Behandlung durch einen entsprechend ausgebildeten Tierarzt notwendig sein. Auch eine starke Verschmutzung des Gefieders ist möglich. Dieses sollte mit Wasser, lauwarm und mit etwas Shampoo, und einer weichen Bürste gereinigt werden. Anschließend kann es vorsichtig trocken geföhnt werden (MECKEL).

Kontrollfahrten führte ich im März aufgrund der bekannten Lage nur in Einzelfällen nach Rücksprache mit den Nistkastenbesitzern und unter strenger Einhaltung der Kontakteinschränkung durch.
Eine Woche später fuhr ich zu drei Schleiereulen-Nistkästen, die aufgrund ihrer waldnahen Lage prädestiniert für Waldkäuze erschienen. Motiviert wurde ich durch die Übermittlung eines Fotos einer Nistkastenbesitzerin, auf dem ein Waldkauz bei Dunkelheit aus dem Flugloch schaute.
Zu meiner freudigen Überraschung fanden sich in allen drei NK Bruten des Waldkauzes. In einem NK waren schon vier Jungvögel geschlüpft und waren im geschätzten Alter von ca. 15 Tagen. Der errechnete Brutbeginn liegt daher Anfang Februar. Der weitere erfreuliche Aspekt war der, dass wir einen der NK erst Mitte Januar an die Außenwand der Scheune umgebaut hatten, und etwa einen Monat später war er schon vom Waldkauz angenommen.

2020 03 21 WK Brut in SE NKWK-Brut mit vier JUV

Einige Tage später informierte mich ein NK-Besitzer über die Sichtung einer Eule am Flugloch seines NK. Diesen NK haben wir auch erst im November 2019 dort installiert. Aufgrund der Lage der aus wenigen Höfen bestehenden Ansiedlung am Waldrand erschien eine Belegung durch Waldkauz nicht unwahrscheinlich. Es war aber ein Schleiereulen-Paar im NK. Diese verließen den NK bei der Kratzprobe (siehe Video). Es ist wahrscheinlich der außergewöhnlich guten Entwicklung im Jahre 2019 zu verdanken, dass dieser neu installierte NK schon nach wenigen Monaten von den SE angenommen wurde. Die SE suchten sich ein neues Revier und haben es gefunden.

 mp42020-03-24.mp4

Schleiereulen verlassen NK (Video mit freundlicher Genehmigung von S. BÖCKER)

Januar-Februar 2020

Das Wetter war in den beiden Monaten hier in Schleswig-Holstein zumeist regnerisch und für die Jahreszeit zu mild. Gemäß Deutschen Wetterdienst fiel im Februar 2020 im Vergleich zum Mittelwert der letzten 100 Jahre fast drei Mal so viel Niederschlag, fast ausschließlich als Regen. Bereits im Januar überstieg die Niederschlagsmenge in Schleswig-Holstein bereits diesen Mittelwert.
Möglicherweise wirkt sich das milde Klima positiv auf die Mäuselage und somit auf die Nahrungssituation für die Eulen aus. Im Fernsehen wurde bereits über eine Mäuseplage im Nordwesten von Niedersachsen berichtet (ZDF heute vom 07.02.2020, radiobremenTV Regionalmagazin vom 28.02.2020).
In einigen Gebieten standen (Feucht-)wiesen wochenlang unter Wasser. Es bleibt daher abzuwarten, wie sich dieser Wasserstand auf die Wühlmauspopulation ausgewirkt hat.
Wie bereits in den beiden letzten Monaten des Jahres 2019 waren auch diese Monate von Reparaturen und Reinigung sowie Anbringung bzw. Umbau von Nistkästen geprägt.
Des Weiteren stand die „Büroarbeit“ an. Die Übersichtslisten und Routenpläne wurden für das neue Jahr überarbeitet.