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2019 - Mein "Jahr der Schleiereule"

2019 - Mein „Jahr der Schleiereule“

Text und Fotos: Achim Busekros


Alljährlich werden von den unterschiedlichsten Institutionen „Das Jahr des/der …“ ausgerufen.
Für mich als Gebietsbetreuer für die Schleiereule (SE) im Kreis Rendsburg-Eckernförde war es das ganz persönliche „Jahr der Schleiereule“.

19 0987 190704 hübscher JUV

Ich betreute 2019 in drei Gebieten im Kreis RD und in einigen angrenzenden Ortschaften im Kreis Steinburg insgesamt 137 Nistkästen (NK) an 117 Standorten.
Dieses Jahr waren an 37 NK/Standorten SE-Aktivitäten zu verzeichnen, eine Verdopplung bzw. Verdreifachung im Vergleich zu den beiden Vorjahren. Insgesamt konnte ich 21 erfolgreiche Erst-Bruten mit vermutlich 124 ausgeflogenen Jungvögeln (JUV) feststellen (Anm.: Die Zahlenangaben zu vermutlich ausgeflogenen JUV beziehen sich immer auf die bei der letzten Kontrolle im jeweiligen NK festgestellten lebenden JUV. Diese Kontrollen fanden in der Regel wenige Tage bis ca. drei Wochen vor dem vermuteten Ausflugtermin statt). Aus den vier erfolgreichen Zweit-/Schachtelbruten und einer Spätbrut wurden wahrscheinlich 20 JUV flügge.

19 3371 190704 7 JUVEs sind sieben JUV

Nahrungssituation/Mäuselage

Bereits im Verlauf des Jahres 2018 wurde von den Experten / Vorstand des Landesverbandes auf das bevorstehende Mäuse-Gradationsjahr 2019 (nach 2015) hingewiesen. Anfang 2019 mehrten sich Hinweise aus dem Landesverband (MECKEL, FINKE), dass von einer sehr guten Mäuselage, und somit hervorragenden Nahrungssituation für die Schleiereule, auszugehen ist. Dies wurde erhärtet durch Aussagen der meisten Landwirte im Frühjahr über sehr intensive Mäuseaktivitäten auf den Feldern und Grünflächen. Bei den ersten Kontrollen bestätigte es sich eindrucksvoll. Von den ersten elf Nistkästen (NK), die ich kontrollierte, waren sieben mit SE belegt (zugegeben, ich hatte auch gezielt teils bekannte SE-Reviere aufgesucht). In den NK waren bei den Erstkontrollen teilweise recht große Futterdepots mit bis zu zehn Mäusen angelegt. Leicht abgeschwächt setzte sich dieser Trend fort.

19 3995 190511 8 Eier und Mäuse11.05.19: 8 Eier und Mäusedepot 44 4602 190520 3 JUV 5 Eier 10 Mäuse20.05.19: 3 JUV, 5 Eier, 10 Mäuse

Besonderheiten

Spätbrut

An einem Standort in AUKRUG befinden sich zwei Nistkästen in zwei unterschiedlichen Gebäuden. Beide NK werden alljährlich von April – Mai durch die Dohlen besetzt. Diesen gelingt es nahezu immer, andere Interessenten wie TF und SE zu vertreiben. Oft blieben diese NK nach der notwendigen umfangreichen Reinigung unbenutzt. In diesem Jahr brütete im Anschluss an die erfolgreiche Dohlenbrut allerdings erfolgreich eine SE in einem der NK. Brutbeginn war nach Berechnung Mitte Juli. Also zu einem Zeitpunkt, an dem an anderen Standorten die Zweitbruten begannen. Aus fünf Eiern wurden wahrscheinlich fünf JUV flügge. Auffallend neben dem späten Brutbeginn war auch die Tatsache, dass in dem NK relativ viele frische Federn der SE lagen. Dieses stelle ich in der Regel fest, wenn es in dem NK zu Auseinandersetzungen mit anderen Vögeln, wie Turmfalke oder Dohle, kam. Möglich ist es daher, dass es die SE schon zu einem früheren Zeitpunkt, als der NK noch von der Dohle belegt war, versuchte. Anzumerken ist ferner, dass es genau dieser NK war, in dem die Dohlen im Jahr 2018 einen vermuteten „Anschlag“ auf die SE versuchten (siehe Eulen-Welt 2019, S. 49ff).

27 0690 190717 Spätbrut 5 Eier Federn17.07.19: SE-Brut auf einem ehemaligen Dohlennest    27 0690 191002 Spätbrut 5 JUV02.10.19: Die 5 JUV noch immer im NK

Erheblicher Altersunterschied zwischen JUV

Am 20.05.2019 befanden sich in einem Nistkasten in EHNDORF bei der Erstkontrolle drei frisch geschlüpfte JUV und fünf Eier im Nistkasten. Daneben lagen ca. zehn Mäuse als Futterdepot im Brutraum verteilt.
Bei der nächsten Kontrolle am 26.06. waren mindestens sechs JUV zu erkennen, von denen mindestens fünf in der typischen Pyramide in der Ecke des NK saßen (Anm.: Da ich keine JUV beringe, entnehme ich auch keine aus den NK. Daher ist es im Falle dieser Pyramidenbildung nicht immer einfach, die genaue Anzahl zu beziffern. Die JUV schmiegen sich zum gegenseitigen Wärmen eng aneinander; dies sieht oft aus wie eine Pyramide). Der wahrscheinlich älteste JUV stand in einer anderen Ecke.
Am 26.07. wurden mindestens drei JUV von der Eigentümerin beim Verlassen des NK beobachtet. Sie waren somit über 60 Tage alt, das „richtige“ Alter zum Ausfliegen. Am 15.08. (20 Tage später!) saß der vermutlich jüngste JUV mit einem geschätzten Alter von 55-60 Tagen noch im NK und verließ diesen auch nicht bei der Kontrolle (ein flugfähiger JUV wäre bei der Kratzprobe oder spätestens beim Öffnen der Kontrollklappe geflohen). Somit zeigte sich in diesem Fall ein Altersunterschied von weit über 20 Tagen zwischen dem wahrscheinlich jüngsten JUV und den nächstälteren. In der Regel legt das Weibchen die Eier im Abstand von etwa zwei Tagen und fängt beim ersten Ei an zu Brüten. So schlüpfen die JUV dementsprechend im Abstand von zwei Tagen.

44 4420 190626 Pyramide und Einzelkind26.06.19: Mindestens 6 JUV - rechts Pyramide, links der Älteste44 4420 190815 der letzte JUV15.08.19: Der jüngste JUV immer noch im NK

Verluste unter / Vorfälle mit den JUV

Ein erfolgreiches Jahr mit vielen JUV bringt auch viele große und kleine Tragödien mit sich. In diesem Maße musste ich noch nicht zu „Notfall-Einsätzen“ losfahren.

  • An einem Standort in SCHÜLP bei NORTORF wurde Mitte Juni vom Eigentümer mitten auf dem Hof der durchnässte und etwas zerrupfte Kadaver einer SE aufgefunden. Wir vermuteten, dass es sich um einen JUV handelte, da in diesem Zeitraum auch die ersten JUV den Nistkasten verließen.
  • An einem Standort in POYENBERG wurde in der Nacht auf den 19.06. ein wahrscheinlicher JUV bei vermutlich Verlassen des NK von einem nachtaktiven Prädator (Uhu??) geschlagen. Die Eigentümerin vernahm in der Nacht lautes Kreischen. Am Morgen lagen ein Dutzend Federn und die Reste einer Schwinge an der Hauswand. Im NK befanden sich noch fünf JUV, bei der Kontrolle drei Wochen zuvor waren es sechs.
  • Auf einem Hof in TIMMASPE fanden die Eigentümer Anfang Juli einen JUV im Alter von ca. 45 Tagen auf dem Hof. Diesen habe ich eingefangen und wieder in den NK zu seinen vier älteren Geschwistern zurückgesetzt. Wahrscheinlich wurde der JUV bei einem Gedränge durch die vier anderen durch das Flugloch aus dem NK geschubst. Glücklicherweise war es das einzige Mal, wahrscheinlich alle fünf JUV verließen den NK später „ordnungsgemäß“.

 19 0350 190706 JUV geborgenZurück ins Körbchen

  • In WASBEK fanden die Eigentümer Anfang Juli nachmittags zwei tote JUV.  Einer lag auf dem Hof vor der Wand der Scheune, ein weiterer auf dem Vordach unterhalb des Flugloches. Im Morgengrauen, vor der Abfahrt zur Arbeit, lag zumindest der Kadaver auf dem Hof noch nicht an diesem Ort. Bei beiden Vögeln im Alter von ca. 60 Tagen deutete die Kopfhaltung bzw. das schlaffe Hängen des Kopfes auf einen Genickbruch hin. In beiden Fällen erscheint es am wahrscheinlichsten, dass die JUV beim vemutlich ungewollten Verlassen des NK bei Helligkeit von Krähenvögeln gehasst wurden und in Panik gerieten. Es befand sich im Umfeld des Hofes jahrelang eine kleine Dohlenkolonie. Der eine schaffte es vermutlich aufgrund der noch nicht voll ausgebildeten Flugfähigkeiten nicht, durch das Flugloch in den NK zurück zu fliegen. Der andere JUV versuchte wahrscheinlich durch die Lücke unterhalb des Dachüberstandes in die Scheune zu fliegen und prallte ebenfalls mit dem Kopf gegen die Wand. Im NK befanden sich an diesem Tag noch drei JUV von ehemals sechs.

27 3360 190704 SE mit GenickbruchSE mit wahrscheinlich Genickbruch

  • Mitte Oktober fanden die Nistkastenbesitzer eines Hofes in LOOP einen JUV auf ihrem Hof. Dieser entstammte einer erfolgreichen Zweitbrut mit vier JUV aus dem auf dem Strohboden befindlichen NK. Die drei anderen JUV flogen bereits umher. Da der JUV nicht flugfähig war, wurde er nach Rücksprache mit dem Landesverband (FINKE) auf den Scheunenboden zurückgebracht. Dort wurde er von den beiden Altvögeln weiter gefüttert. Zwei Wochen später wurde wahrscheinlich ebendieser JUV erneut auf dem Hof bei Flugversuchen aufgefunden. Da diese Versuche nicht sehr erfolgversprechend aussahem, brachten die NK-Besitzer den JUV zu einem Tierarzt in WASBEK. Dort stellte man neben einem guten Ernährungszustand auch eine irreparable Fehlbildung an beiden Handschwingen fest. Glücklicherweise sollten an diesem Tag andere Vögel aus der Praxis von Mitarbeitern der Vogelpflegestation des Wildparks EEKHOLT abgeholt werden. So wurde der JUV ebenfalls mitgenommen und in EEKHOLT weiter gepflegt.

Gewölleproben

Auch in diesem Jahr habe ich Gewölleproben der Schleiereule und von einem Waldkauz-Standort eingesammelt und sie im Herbst zur Untersuchung verschickt. Die Proben enthielten im Schnitt 15 – 30 Gewölle. Schon kurze Zeit später schickte mir Lutz LANGE (nochmals herzlichen Dank für die Arbeit) seine Ergebnisse. Im Gesamtdurchschnitt enthielt ein Gewölle die Reste von ca. 2,5 – 3,5 Beutetieren. Es handelte sich zumeist um kleine Gewölle. (Je nach Art und somit Größe der Beute kann es vorkommen, dass in einem Gewölle die Reste von bis zu 12 Beutetieren enthalten sind, bei sogenannten Riesengewöllen wurden auch schon Knochen von 17 Beutetieren festgestellt, LANGE). Die meisten Proben zeigten Standardwerte: die Beute bestand zu 75 – 95% aus Tieren der Gattung Feldmäuse. Es gab aber auch einige Abweichungen. Bei waldnahen Standorten war erwartungsgemäß der Anteil an Waldmäusen und Gelbhalsmäusen höher. An einem Standort, von dem ich von Frühjahr bis Spätherbst insgesamt an vier Terminen Proben einsammelte, ließen sich auch Veränderungen im Beutespektrum erkennen. Der Anteil der Feldmäuse stieg sukzessive von ca. 75% auf 90%. Gleichzeitig sank der Anteil der waldbewohnenden Mäuse von ca. 25% auf ca. 5%. Und bei den über 750 Beutetieren, deren Reste in den diesjährigen Gewöllen gefunden wurden, befanden sich lediglich zwei Singvögel.
Die Proben des Waldkauzes beinhalteten neben den Feld- und Waldmäusen auch Reste von Käfern.

Statistik

Da ich eines der drei Gebiete erst im Jahr 2019 hauptverantwortlich übernommen habe, beziehen sich die statistischen Vergleiche auf die zwei anderen Gebiete mit insgesamt 91 NK an 75 Standorten, die ich seit 2014 betreue. Die Zahlenangaben weichen daher von der in der Einleitung gemachten Gesamtzahl ab. Die Tendenz dürfte aber auch auf das dritte Gebiet zutreffen. Die Zahlen in den Klammern sind aus 2018 und 2017.

SE-Bruten

Dieses Jahr waren an insgesamt 24 NK/Standorten SE-Aktivitäten im Vergleich zu 12 bzw. 10 NK aus den Vorjahren zu verzeichnen.
Erst-Bruten gab es 16 (8 bzw. 5). Eine Brut davon wurde aufgegeben. Eine andere Brut dieser 16 wurde als Spätbrut begonnen, zuvor war der NK durch Dohlen besetzt. Und erstmals seitdem ich die Gebiete betreue, konnte ich zusätzlich auch drei Zweitbruten feststellen. An acht weiteren NK lagen eindeutige Hinweise auf das Vorhandensein von SE vor (z.B. Gewöllefunde, Tagschlaf). Das Neu-Auftreten der SE am Großteil dieser Standorte wurde zumeist im Herbst registriert. Offensichtlich suchen sich die JUV neue Reviere.
Damit befanden sich an ca. 31,6% (2018: 15,2%) der NK-Standorte zumindest zeitweise besetzte SE-Reviere. Erfolgreiche Bruten gab es in 17,6% (2018: 7,5%) der NK bzw. an 21,1% (2018: 8,9%) der Standorte.
Die „Standard-Gelegegröße“ der Erstbruten liegt im Schnitt bei ca. sieben Eiern. Von den erfolgreichen Erstbruten haben vermutlich insgesamt 84 JUV den NK verlassen. Der Durchschnitt liegt damit bei ca. 5,6 JUV je Brut. Und dies ist die wesentliche, hervorzuhebende Zahl. In den Vorjahren lag diese Quote bei 2 bis 3,25. Selbst im letzten Gradationsjahr 2015 lag diese Zahl nur bei 4,17. Bei den drei Zweit- und der Spätbrut lag die Gesamtzahl der vermutlich ausgeflogenen JUV bei 16, immerhin noch 4 im Durchschnitt. Der früheste Brutbeginn lag nach Berechnung um den 01.04.2019. Die Zweit-/ Schachtelbruten sowie die Spätbrut begannen Ende Juni bis Mitte Juli.

Turmfalke

Bei den Turmfalken (TF) kann entgegen dem Trend bei der SE und der Mäuselage nicht von einem sehr erfolgreichen Jahr, im Gegensatz zu z.B. dem letzten Gradationsjahr 2015 mit 31 Bruten, ausgegangen werden. Es gab meist normal große Gelege (5-6 Eier). Nach Aussagen der Eigentümer gab es an einigen NK heftige Revierkämpfe zwischen zwei Terzel, wodurch z.B. Gelege zerstört wurden oder die Brutvorbereitungen abgebrochen wurden. In einem Fall wurde gar ein adulter TF, vermutlich als Folge der Kämpfe, tot unter dem Einflugloch des NK aufgefunden. Insgesamt waren 28 Standorte zumindest zeitweise durch TF belegt, erfolgreiche Bruten gab es 21 (2018: 22).

27 6282 190522 TF Eier22.05.19: Wie immer ein wohlgeordnetes TF-Gelege 44 2655 160516 TF JUV und großes Mäusedepot16.05.19: TF JUV und großes Mäusedepot19 5050 190613 TF JUV13.06.19: TF JUV leicht gereizt

Weitere Fremdbelegungen

Weitere Fremdbelegungen sind die Dohle mit 5 Bruten (5, 7), Ringeltaube 1 (3, 3), Wespe 1, Singvogel 1 sowie ein Mal Waldkauz. Auch ein Eichhörnchen zog im Spätwinter in einem NK mindestens ein Junges auf. Diese Zahlen sind nahezu identisch mit den in 2018 festgestellten Werten.